Hoffnung ist politisch – Positive Visionen für morgen entwickeln
Klimakrise, Kriege, soziale Ungleichheit – Kinder und Jugendliche wachsen in Zeiten multipler Krisen auf. Diese Polykrisen prägen ihre Lebenswelten und wirken sich nachweislich auf das Sicherheitsgefühl, die psychische Gesundheit und Zukunftserwartungen junger Menschen aus. Demokratiebildner:innen stehen damit vor der Herausforderung, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen ihre Sorgen äußern und zugleich Handlungsfähigkeit und positive Zukunftsbilder entwickeln können.
Unter dem Titel „Hoffnung ist politisch – Positive Visionen für morgen entwickeln“ widmete sich das erste Digitalcafé in diesem Jahr der Frage: Wie lässt sich in demokratischen Bildungsprozessen Hoffnung stärken und wie können wir junge Menschen darin begleiten, positive Visionen zu entwickeln?
Den inhaltlichen Impuls gestaltete Sulca Ariza, Referentin für politische Bildungsarbeit beim Konzeptwerk Neue Ökonomie. Im Mittelpunkt stand die Methode der Zukunftswerkstatt als demokratiepädagogischer Ansatz, um mit Kindern und Jugendlichen kollektive Zukunftsvisionen zu entwickeln.
Was bedeutet Hoffnung in der Demokratiebildung?
Mit Hoffnung ist kein naiver Optimismus gemeint, der uns lediglich darauf vertrauen lässt, dass sich die Dinge in Zukunft schon zum Guten wenden werden. Unter Hoffnung als demokratiepädagogische Ressource kann der Glaube daran verstanden werden, etwas verändern zu können – die Hoffnung auf eine gestaltbare Zukunft. Diese Ressource gilt es zu stärken: bei Fachkräften, in sich selbst und bei den jungen Menschen.
Sulca Ariza machte deutlich: Kinder und Jugendliche können sich eine gestaltbare Zukunft vorstellen – wenn Erwachsene ihnen das zutrauen. Um aus Hoffnungen konkrete Visionen werden zu lassen und ins Handeln zu kommen, stellte sie die Methode der Zukunftswerkstatt vor.
Positive Visionen entwickeln – die Zukunftswerkstatt als Methode
Die Methode der Zukunftswerkstatt gliedert sich in drei Phasen:
- Kritikphase: Kinder und Jugendliche äußern, was sie belastet oder stört. Emotionen werden ernst genommen und Kritikpunkte gesammelt. Die Kritikphase bietet die Möglichkeit, mehr über die Interessen und Themen der Kinder und Jugendlichen zu erfahren und an ihre Lebenswelt anzuknüpfen.
- Utopiephase: Kreative Gestaltung von Visionen einer lebenswerten Zukunft. Alle Wünsche und Ideen finden Raum.
- Strategiephase: Die entwickelten Visionen werden in konkrete, handhabbare Schritte übersetzt. Wer macht was, wann und wie? Wie lassen sich Visionen im Kleinen umsetzen?
Zukunftswerkstätten lassen sich auch modular gestalten: Stück für Stück können die Kern-Fragen bearbeitet werden. So bleibt es überschaubar und verständlich. Am besten lässt sich eine Zukunftswerkstatt an einem ungewöhnlichen Ort umsetzen, der alle aus dem Alltag herausholt und freies Denken und Visionieren möglich macht.
Die Rolle der pädagogischen Fachkräfte
Die Rolle und Haltung der Fachkräfte ist bei der Umsetzung einer Zukunftswerkstatt zentral: Sie schaffen einen Raum, in dem Kinder und Jugendliche ihre Perspektiven und Ideen einbringen können, ohne dass diese begrenzt oder bewertet werden – im Sinne einer demokratischen Lernkulturhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/qualitaetskriterien/lernkultur. Dabei gilt es, eigene Vorstellungen zurückzustellen, Kinder ernst zu nehmen und die Werte hinter ihren Wünschen zu erkunden. Hilfreich können hierfür auch die Reflexionsfragen zum Qualitätskriterium “Werte und Demokratiekompetenzen”https://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/qualitaetskriterien/werte-und-demokratiekompetenzen sein.
Sulca Ariza hob hervor, dass Visionen machtkritisch und diversitätssensibel gedacht werden sollten und unterschiedliche Lebensrealitäten einbeziehen müssen. So stellt sich bei der Entwicklung von Zukunftsvisionen die Frage: Für wen ist das eine lebenswerte Zukunft? Um unterschiedliche Lebenswelten in der Gestaltung der eigenen Bildungsarbeit zu berücksichtigen, bieten die Reflexionsfragen zum Qualitätskriterium “Diversität und Lebensweltorientierung”https://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/qualitaetskriterien/diversitaet-und-lebensweltenorientierung Orientierung.
Im Rahmen eine Zukunftswerkstatt begleiten Fachkräfte Kinder und Jugendliche dabei, aus individuellen Wünschen eine kollektive Zukunftsvision zu entwickeln und Handlungsoptionen im Kleinen auszuprobieren. So werden Demokratiekompetenzenhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/qualitaetskriterien/werte-und-demokratiekompetenzen wie Kompromissfähigkeit und Handlungsfähigkeit gestärkt. Dabei können Fachkräfte an den Kompetenzen ansetzen, die die Kinder und Jugendlichen bereits mitbringen. Gefragt nach den Ressourcen und Fähigkeiten, die die Teilnehmenden bei den Kindern sehen, mit denen sie arbeiten, benannten sie zum Beispiel ihre Offenheit, Kreativität, Mut und Neugierde.
Diskussionspunkte und Erkenntnisse
Anhand der Fragen der Teilnehmenden, wurden zentrale Aspekte für die Arbeit mit jungen Menschen vor dem Hintergrund multipler Krisen, diskutiert:
- Beziehung und Verlässlichkeit: Kinder brauchen Erwachsene, die Orientierung im Chaos geben, verlässlich sind und Emotionen ernst nehmen.
- Zutrauen und Authentizität: Kinder brauchen Erwachsene, die Kindern etwas zutrauen, die sich selbst in Zuversicht üben und darin authentisch bleiben.
- Sichtbare Erfolge: Kleine Erfolge sichtbar zu machen stärkt Motivation und Selbstwirksamkeit.
- Strukturelle versus individuelle Ansätze: Handlungsoptionen sollten nicht nur auf der individuellen Ebene ansetzen, sondern auch die strukturell-politische Ebene in den Blick nehmen. So kann ein individueller Ansatz verfolgt werden, indem wir darauf achten, möglichst wenig Papier zu verschwenden. Ein struktureller Ansatz wäre es, gemeinsam Ursachen von Holz-Rodungen zu besprechen und z.B. politische Forderungen an Entscheidungsträger:innen heranzutragen, wie strengere Umweltschutzgesetze, internationale Abkommen zum Waldschutz oder Transparenzpflichten für Unternehmen.
- Resilienz und Selbstfürsorge: Um engagiert zu bleiben, braucht es Selbstfürsorge. Denn durch Selbstfürsorge wird die eigene Widerstandfähigkeit gestärkt. So kann ich die Kraft aufbringen, die es braucht, um sich – trotz Krisen – aktiv für eine bessere Zukunft einzusetzen.
Praxistipps aus dem Digitalcafé
Im Digitalcafé wurden zahlreiche Methoden geteilt, die sich niedrigschwellig einsetzen lassen, um mit Kindern an positiven Zukunftsvisionen zu arbeiten. Zum Beispiel:
- Kreative Zugänge wie Collagen, Malen, Theater oder Stop-Motion.
- Games, wie Minecraft, zur Visionsentwicklung.
- Traumreisen.
- Gestaltung von Social Media Posts.
- Sprechende Wände - mit Bildern oder Sprechblasen auf denen eigene Perspektiven und Ideen festgehalten werden.
- Dankbarkeitsgläser, in denen Erfolge gesammelt werden.
- Besuch “realer” Utopien.
Alle Methoden, die Dokumentation des Digitalcafés sowie weiterführende Materialien finden sich gebündelt auf der TaskCardhttps://dkjs.taskcards.app/#/board/33b4dd00-e700-4fe9-aecd-a4bad27022bf/view?token=ae9669d0-ad00-4ef1-b084-edd7adcfd3cc wieder. Ergänzend lädt das digitale Reflexionstoolhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/ dazu ein, die eigene Praxis entlang der Qualitätskriterien weiterzuentwickeln – mit Materialsammlung, Selbsteinschätzung und fachlichen Impulsen.